Weltmeisterschaft – am Ziel eines Lebenstraums

Vor einer Woche habe ich mein großes Ziel erreicht: die Teilnahme an der Ironman 70.3 Weltmeisterschaft. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich eine Achterbahn der Gefühle: Vorfreude, Unsicherheit und Demut gehörten dazu. Auf meine emotionale Reise bis zur Finishline nehme ich euch in diesem Blog ein wenig mit.

Nach dem Erreichen der Ziellinie meiner ersten Langdistanz (Ironman) in Roth 2021 war ich mental erschöpft und leer. Neben der Freude war damals auch ganz viel Erleichterung da. Es fiel also sehr viel von mir ab.

Mir wurde schnell klar, dass ich ein neues Ziel brauche. Ein Ziel für das ich brenne und das ich erreichen kann. Mit dem Ziel mich für eine WM zu qualifizieren fand ich genau so eines. Mir war aber klar, dass ich das nicht von heute auf Morgen erreichen kann. Ehrlich gesagt, wäre ich sehr froh gewesen das Ziel 2025 zu erreichen.

Das Jahr 2022 war sportlich ein Gebrauchtes: zu oft krank, zu viele Umzüge und Veränderungen.

So verlief auch der Wiedereinstieg in die Saison 2023 noch im alten Jahr sehr holprig.

Ich war verzweifelt und stellte sogar das große Ziel in Frage. Ich konnte mir bei der Formentwicklung zwischenzeitlich nicht mal vorstellen das Ziel bis 2025 zu erreichen.

Doch dann stellten sich die Erfolge ein. Die Trainingswerte und Testwettkämpfe versprachen eine bessere Saison als 2022. „Ja vielleicht komm ich zumindest an die Form aus 2021 wieder heran, die meine Beste von den Werten bis dato war.“

Dann kam der erste große Wettkampf: Ironman 70.3 Kraichgau. Da die diesjährige WM in Europa war, beschloss ich zumindest zur Slotvergabe zu gehen. Nach meiner Leistung in Zell am See 2022 liebäugelte ich mit einer Platzierung zwischen Platz 30 und 60. „Bei so viel bereits qualifizierten Athleten rollt vielleicht ein Slot durch.“ Doch die Tagesform bei sehr heißen Temperaturen, die definitiv nicht meine waren, ließen mich auf Platz 96 einlaufen. Am Ende hatte ich extrem viel Glück den fünften und letzten Slot meiner Altersklasse zu bekommen. ICH FAHRE zur WM.

Drei Monate hatte ich für die Vorbereitung Zeit. Ziemlich genau in der Hälfte hatte ich mit der Challenge Walchsee noch eine weitere Mitteldistanz, bei der ich meine alte Bestzeit um 14 Minuten quasi zerstört habe. Neue Bestwerte auf dem Rad und den Lauf meines Lebens innerhalb einer Mitteldistanz. Zwischen Walchsee und der WM lagen fast zwei Monate. Genügend Zeit nochmal einen ordentlichen Trainingsblock zu absolvieren und vielleicht nochmal die Leistung toppen.

Willkommen in der Rennwoche. Die Nervosität erreicht so langsam den Siedepunkt. Klappt alles mit dem Rad auf der Flugreise? Kann ich in einem WM-Feld bestehen? Ist meine Leistung dafür ausreichend? Kann ich meine Leistung nochmal steigern?

Wettkampfbesprechung, Nationenparade, Willkommensbankett, Schwimmen im Wettkampfsee, letzte Trainingseinheiten. Die Zeit ist gerannt. Menschen aus aller Welt, vertraute Gesichter, Euphorie und Nervosität. Letzte Vorbereitungen: „Sch***e ich habe meine Softflask fürs Laufen in München vergessen.“ Panikkauf von meiner Familie in Helsinki. Am Ende griff ich dann aber doch auf die Flasche von Dani zurück, die sie selbst Samstags am Tag des Frauenrennens benutzt hatte. Last-Minute-Rettung.

Wettkampftag: Das Rad nochmal checken und Schuhe einklicken. Alles passt. Noch 75 min bis zum Start. Ein wenig Mobilisation auf der Yogamatte vor dem Auto. Es war ruhig. Ein kurzer Schauer wich der Sonne. Noch 30 min zum Start. Familie und Dani da. Neo anziehen. Einschwimmen. Ab zum Startblock. Der Startblock bestand nur aus meiner Altersklasse. Demütig meiner Schwimmleistung reihte ich mich deswegen sehr weit hinten ein. Es ging los: alle 15 Sekunden 10 Athleten. Bald war auch ich dran. Hechtsprung ins Wasser und los. 500 m Geradeaus zu ersten Boje. Rhythmus finden und Stress vermeiden. Durch das Startprozedere war es lediglich an den drei Abbiegebojen etwas unruhiger aber insgesamt sehr entspannt. Zug um Zug bis zum Schwimmausstieg. Da war er. Nach etwas mehr als 35 min. Nicht die erhoffte Zeit aber schon von dem Frauenrennen des Vortages wusste ich, dass die Schwimmzeiten vergleichsweise etwas langsamer waren.

Schneller Wechsel und ab aufs Rad. Blick auf den Powermeter: Chris ruhig bleiben. Das ist ein WM -Feld. Die anderen sind auch motiviert. Km 4-5 Lahti Ausgang. Jetzt in Ruhe nach vorne arbeiten. Überholen war hart, härter als sonst. Die Leistungsdichte ist höher als bei einer „normalen“ Mitteldistanz. Km 10 -15 es begann zu regnen. Ich bekam ein breites Grinsen. Genau mein Wetter. Das Visier beschlug. Ich sah quasi fast nichts mehr. Also hochklappen. Das Überholen wurde etwas leichter. Halbzeit: die ersten stehen unterkühlt mit Rettungsdecken am Straßenrand. Mich tangierte das nicht. Konzentriert bleiben. Da ist der See wieder. Noch 10 – 15 km bis zur zweiten Wechselzone. Wann kommt die denn endlich? Letzter Anstieg 300 m vor dem Ende. Aus dem ersten Schuh raus. Abfahrt, 90 Grad rechts, aus dem zweiten Schuh raus, runter vom Rad.

Mist die Füße sind taub. War wohl doch etwas kalt. Konzentriert bleiben, nicht verletzen. Socken an, Schuhe an, raus auf die Laufstrecke. Die ersten vier Kilometer nur bergauf. Vergiss Geschwindigkeit, lauf nach Gefühl. Immer wieder aus der Eigenverpflegung trinken und Wasser greifen. Bergab laufen lassen. Da ist er wieder der See. 7 km sind geschafft. Die Zuschauer wurden mehr. Pushen und ab auf die zweite Laufrunde. Es wurde schwerer. Nun auch Wasser über den Kopf. Wieder oben und ab gehts wieder runter. Km 15 Eigenverpflegung leer. Schnell ne Cola. Da sind sie wieder: die Zuschauer. Chris nicht langsamer werden. Ein Blick auf die Uhr. Das kann eine neue Bestzeit werden. Km 19 noch ein Energydrink. Blick auf die Uhr: reicht das noch für unter 4:40 Std? Die Rampe nochmal hoch und ab in den Zielkanal. Familie gesichtet, Grinsen, Tränen, Emotionen. Ein letzter Blick auf die Uhr 4:40. Ok aber Bestzeit ist sicher. Um die Kurve: der Zielteppich. Feiern, Genießen, Finish, pure Freude.

Das Ziel der Weltmeisterschaft in 4:40:30 Stunden erreicht.

Neue persönliche Bestzeit. Walchsee um 3:01 Minuten unterboten.

Neue Bestleistung auf dem Rad, neue beste Durchschnittspace beim Laufen (und das bei über 200 Höhenmeter auf dem Halbmarathon).

Großer Dank geht an alle meine Unterstützer ohne die das Ziel so nicht erreichbar gewesen wäre:

Allen voran meine Familie, die sogar mit zur WM gereist ist, um mich zu unterstützen.

Meine WG David & Niklas, die mich durch die Höhen & Tiefen der Vorbereitung begleitet haben.

Meine Trainerin Theresa, die einfach immer die passenden Worte & Mittel findet für unseren gemeinsamen Erfolg.

Spezieller Dank geht noch an Dani, die mich nicht nur im Rennen unterstützt hat, sondern mit ihrer Softflask noch in letzter Minute ausgeholfen hat.

Jetzt Saisonpause und das Leben ohne strukturiertem Training ein paar Wochen genießen ehe es wieder los geht: der Weg zum nächsten großen Ziel.

Ich freue mich auf eure Kommentare und Rückmeldungen.

Für alle Zahlenliebhaber:

1,9 km Schwimmen: 35:16 min

erster Wechsel: 3:41 min

90 km Rad: 2:20:31 Std.

zweiter Wechsel: 4:05 min

21,1 km Laufen: 1:36:59 Std.

Aufzeichnungen Rad:

240 Watt Durchschnitt (bei ca 75kg)
246 Watt NP
IF: 0,84
VI: 1,03
HF: 144 bpm Durchschnitt

Aufzeichnung Laufen:

Durchschnitspace: 4:36 min/km

Normalisierte Pace: 4:32 min/km (dabei werden die Höhenmeter raus gerechnet)

Höhenmeter: 225 m

HF: 152 bpm

IF: 0,92

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