München – ein Haifischbecken

München du wunderschöne Stadt du gibst und nimmst mir so viel. In so manchen Zeiten verspüre ich eine Hassliebe zu meiner Lieblingsstadt und Wahlheimat. Warum ist das so?

Seit meinem ersten Münchenbesuch mit ungefähr 8 Jahren liebe ich diese Stadt. Ja es war Liebe auf den ersten Blick. Eine Stadt, die wie aneinander gewachsene Dörfer wirkt und so schöne Grünflächen hat. Meine Liebe zum FC Bayern, die weitere unzählige Besuche der Stadt begründet hat, trägt sicherlich auch dazu bei.

„Du wohnst aber nicht in München“ hat mir mal ein Freund zu meinen Freisinger Zeiten gesagt. Eine Aussage, in der für mich auch etwas Emotionales steckt. Als Freisinger hatte ich immer eine räumliche Distanz, die ich bei jedem Besuch der Stadt überwinden musste. Die Möglichkeit durch das Job-Angebot nach dem Master-Abschluss direkt nach München zu ziehen, war für mich irgendwo eine Erfüllung eines Traums aber auch das Begleichen einer offenen Rechnung.

In München zu wohnen hat seinen Preis. Die Stadt gilt als die Teuerste Deutschlands. Die leeren Kassen nach sechs Jahren Studium füllen sich nur langsam. Die Herausforderungen des Alltags durch Reparaturen, Ersatzbeschaffungen, Inflation und meine „teures“ Hobby lassen den Sparplan immer wieder stagnieren. Mein Job, der mir meine Freizeit finanziert, verlangt häufig mehr als die klassische 40 Std Woche. Aber er verlangt mir vor allem eines viel ab: mentale Energie.

Diese Energie schöpfe ich aus meinem Hobby und sozialen Kontakten. Abschalten beim Pendeln mit dem Rad entlang der Isar, Laufen durch den Ostpark, schwimmen mit Blick auf dem Olympiaturm oder radeln im Oberland mit Blick auf die Berge. Es gibt mir Energie und erinnert mich, wofür ich die Opfer im Berufsalltag oder bei der Pflichterfüllung im WG-Haushalt bringe. Leider fühlt sich mehr als Lohn für diese Entbehrungen an als ein Geschenk, was es definitiv ist.

Als rheinhessisches Landei bin ich Klatsch und Tratsch gewohnt. Das ist etwas, was man in Deutschlands drittgrößter Stadt nicht hat. Man ist anonym. Aber man ist auch in einem Ameisenhaufen. Egal, ob zu Fuß, mit dem Rad oder sonstigen Verkehrsmittel jeder versucht noch über die gelbe Ampel zu kommen und hetzt von Termin zu Termin. Ist man dabei als schwächerer Verkehrsteilnehmer im Weg werden Unfälle in Kauf genommen.

Besonders Hip ist es vor der Arbeit oder spät abends noch zum Sport zu hetzen. Dabei muss man der Community natürlich zeigen, was man hat. Zum 10.000 teuren Rennrad darf natürlich die Bekleidung von Rapha oder Pas Normal Studios nicht fehlen. Schafft man es über die sportliche Leistung heraus zu stechen, dann wird dies regelmäßig auf unterschiedlichste Weise gezeigt oder Kund getan. Man gilt als „Highperformer“, wenn man entweder 80 000 aufwärts im Jahr verdient, 10.000 Follower hat, in seiner Sportart besonders gut ist oder etwas „Außergewöhnliches“ macht. Erfüllt man eine dieser Kriterien nicht, geht man in Gesprächen nicht selten unter. Der beste Weg ist es beim Aufflammen solcher Themen zu schweigen und zu hinterfragen, ob das jetzt gerade die richtige Gesellschaft ist, mit der man unterwegs sein will.

Mein Hang zur „perfekten“ Planung ist in der aalglatten Gesellschaft auch viel zu unflexibel und spontan. Einen Plan zu verfolgen gilt als spießig und uncool. Wichtig ist es in der Gesellschaft zu bestehen und seine eigenen Vorhaben, die man eh alleine machen wollte, lässt man besser bleiben. Sie sind sowieso nicht relevant in einer Gesellschaft, in der man vor allem eines sein muss: SICHTBAR.

Ich tue mir schwer mit diesen Zeilen. Sie klingen so negativ in dieser wunderbaren Stadt. Ein Freund von mir zog mit seiner Frau aus München weg. Sie fühlten sich in dieser Gesellschaft nicht wohl. Nach 9 Monaten weiß ich, was er meinte.

Noch suche ich sie: die Menschen, mit denen man eine gute Zeit verbringt ohne von seinen „Heldentaten“ berichten zu müssen. Menschen, bei denen dein Kontostand keine Rolle spielt.  Menschen, wie ich sie in meiner Heimat habe.

ABER: Es gibt auch Lichtblicke. Ich fühle mich nicht allein. Ich finde sie immer wieder: Menschen, bei denen ich „ich“ sein kann.

Ich war schon immer voller Hoffnung und das bleibe ich auch.

Die Rechnung mit München ist noch nicht beglichen. Die Stadt und ihre Nähe zu den Alpen packen mich noch zu sehr, als dass ich ihr den Rücken kehren möchte.

Es ist nicht immer alles rosarot. Mich treiben viele Sachen um. Diesen Blog zu schreiben, habe ich ehrlicherweise schon länger vorgehabt. Doch immer wieder habe ich damit gehadert. Ich wollte die Münchner nicht in eine Schublade stecken, was ich auch immer noch nicht tue. Die Tür für schöne Begegnungen bleibt immer offen.

3 Antworten auf „München – ein Haifischbecken

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      1. Das stimmt allerdings. Ich denke jede Stadt hat ihre Licht- und Schattenseiten. Aber wenn man offen ist findet man ja in der Tradition -Szene meist sehr schnell Anschluss, so zumindest meine Erfahrung 🙂

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